MusicMonday: Ballade Nr. 1 op. 39

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Heute stelle ich euch das erste Stück von mir vor, das gänzlich auf dem Notenpapier entstanden ist, bevor ich es auf dem Klavier ausprobiert und nachgebessert habe. Normalerweise lasse ich die Ideen am Flügel unter meinen Fingern zustande kommen, und erst nachdem ein relativ großer Abschnitt im Kopf fertig ist, wird aufgeschrieben. Im März 2000, als diese Komposition entstand, war ich also selbst erstaunt über das klanglich und formal für mich sehr ungewohnte Resultat dieses Experiments. Ausgangsidee des Werks war der Gedanke an einen Hauptbahnhof. Der vorwärts drängende Ostinatobass im Dreivierteltakt stellt wohl das Motorengeräusch einer Lokomotive dar. Es folgen einzelne Szenen, die vielleicht persönliche Schicksale der Reisenden erzählen. Man könnte sich schmerzhafte Abschiede mit winkenden Taschentüchern vorstellen oder Menschen, die gehetzt ihrem Zug nachlaufen…

Die Suche nach dem passenden Namen

Das Stück nannte ich folglich „Hauptbahnhof“ und hing ihm die Opuszahl 39 an (es ist meine 39. Komposition). Im Laufe der nächsten 5 Jahre schrieb ich zwei weitere Stücke, die ähnlich lang und formell genau so uneindeutig sind, und denen ebenfalls ein erzählerischer Duktus innewohnt (die werde ich an den nächsten beiden Montagen vorstellen). Bei der Programmierung eines Konzerts stellte neulich fest, dass diese drei Stücke zusammen eigentlich einen wunderbaren Zyklus bilden. So kam mir die Idee, sie unter anderen Titeln zu einem großen, halbstündigen Werk zusammenzufügen (die beiden anderen sind betitelt mit „Chenresig“ – ja, das stammt aus meiner „buddhistischen Phase“… – und „Blessing“). Ich habe sie dann auf meiner Homepage vor einigen Monaten unter dem Titel „Via Cælestis“ veröffentlicht. Die jeweiligen Untertitel lauten: „Inferno“, „Purgatorio“ und „Paradiso“ - angelehnt an Dantes „La Divina Comedia“.

Aber – ich finde keine rechte Freude an diesen Namen. Immer noch schwebt mir die Bezeichnung „
Ballade“ im Hinterkopf, die dem Hörer wesentlich mehr Spielraum für seine Fantasie lässt und überdies doch wirklich gut zur formellen Anlage der drei Stücke passen würde. Der Musikbewanderte wird natürlich sofort an Chopins, vielleicht auch an Brahms’ oder Franz Liszts Balladen denken. Und genau das schüchtert mich wiederum ein. Ist es nicht vermessen, eigene Klavierstücke so zu betiteln?

Zumindest finde ich „Ballade“ zum jetzigen Zeitpunkt doch am geeignetsten, weshalb mein ehemaliger „Hauptbahnhof“ jetzt an dieser Stelle unter dem Namen „Ballade Nr. 1 op. 39“ vorgestellt wird. Wie findet ihr das? Kann ich das so lassen? Sollte „Hauptbahnhof“, der ursprüngliche Titel, noch als Beinamen dem Stück erhalten bleiben? Wegschmeißen? Ich bin dankbar für Hinweise!

Das Stück

Nach diesem ausgedehnten Einblick in die wirren Gedanken eines unentschlossenen Komponisten über die doch nicht unwichtige Frage nach dem Titel der Komposition, möchte ich endlich eine kleine Einführung in die Musik selbst geben. Um die geht es ja schließlich in diesem Beitrag. Ich beschränke mich dabei auf eine formale Analyse, um dem geschätzten Hörer ein möglichst unvoreingenommenes Hörerlebnis zu lassen. Also, bitte den ganzen Anfang vergessen! ;-)

Ballade Nr. 1 op. 39  by  davidianni

Abschnitt I. Wie gesagt, ein Ostinato-Pedal eröffnet die Ballade. :-) Dieser Rhythmus durchzieht das ganze Stück und lässt einfach nicht locker. Nach den ersten 4 Takten erhebt sich aus dem Dunkeln ein aufwärts strebendes Motiv - nennen wir es das erste Thema - und verdichtet sich nach und nach, um nach etwa einer Minute in einer Art zweitem Thema zu landen, das in Hemiolen über einer fließenden Bassbewegung kreist. Doch wie bereits erwähnt, lässt der Hauptrhythmus sich nicht kleinkriegen und meldet sich auch hier ständig in kleinen Einschüben. Das erste Thema (das aufstrebende) erscheint nun in sanfterem Ausdruck und in höherer Lage. Die verschiedenen Motive wechseln sich ab und beschließen den ersten großen Abschnitt mit perlenden Tönen im Diskant. Nachdem sie weich nach unten getropft sind, geht’s bei 3’47’’ wieder von vorne los.

Abschnitt II. Doch ist es keine reine Wiederholung des ersten Teils. Bei ungefähr 4 Minuten 20 erklingt das erste Thema nun in der linken Hand, während die rechte scharfe Harmonien in schnellen Repetitionen auf die Klaviatur hämmert. Das Ostinato (dum-dum-dudu-dum-dum!) ist in die rechte Hand gewandert und wirkt ungeduldiger denn je. Das Kreisen des zweiten Themas mischt sich dazu und schwingt sich willensstark in immer höhere Sphären, wo auch schon wieder der Hauptrhythmus sich durchsetzt. Das Ganze beruhigt sich aber wieder und fließt zurück nach unten. Bei ca. 6’00’’ hat sich das ursprüngliche Thema des Beginns vollkommen gewandelt. Unser rhythmisches Motiv klopft beinahe etwas verunsichert und wesentlich langsamer in der Höhe, während das erste Thema von der linken Hand (aber dennoch immer noch in Sopranlage) darunter gesungen wird. Es perlt und klopft weiterhin, wird aber immer langsamer… Oje. Bei 6’45’’ meldet sich wieder der bedrohliche Bass und kündigt einen erneuten Kampf an. Etwas ratlos verklingen bitonale Harmonien.

Abschnitt III. In der Sonatenform würde man von der „Reprise“ sprechen. Der Bass hat sich entschlossen (7’30’’): er reißt die Zügel wieder an sich, doch diesmal noch wuchtiger als zuvor. Das zweite Thema kommt erst gar nicht mehr zu Wort (es ist ja auch keine Sonate, in der es der Regel nach jetzt nach dem ersten Thema auch wiederkehren sollte). Alle Stimmen vereinen sich zu einem kampflustigen Tumult, der schneller und schneller nach vorne rast. Es drehen und kreisen und schichten sich die Klänge, bis sie sich am Schluss erschöpft, aber ungebrochen über die ganze Tastatur hinab in die Tiefe stürzen…

Hier geht es weiter mit der 2. Ballade und der 3. Ballade


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