Kuschelkatholizismus

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Aus einem Interview der Tagespost mit dem Philosophen Robert Spaemann:

Verdient eine Gesellschaft, die Stellungnahmen des Heiligen Vaters als gefährlichen Fundamentalismus betrachtet, noch Attribute wie liberal oder tolerant?

Nein, sie ist weder liberal noch tolerant, es sei denn, man versteht unter Liberalismus die Überzeugung, dass es keine Überzeugungen geben darf. Ursprünglich heißt Toleranz Respekt vor den Überzeugungen anderer. Das ist im Augenblick bei uns im Schwinden begriffen. Toleranz heißt jetzt nicht mehr Respekt vor Überzeugungen anderer, sondern Ablehnung jeder Überzeugung. Was dem Papst vorgeworfen wird ist ganz schlicht, dass er das verkündet, was die katholische Kirche immer verkündet hat. Er tut es auf eine besonders vernünftige und menschliche Weise. Aber er verzichtet nicht darauf, den christlichen Lebensweg zu lehren.


Wie meine Twitter-Follower gestern mitbekamen, war ich von meiner Pfarrei aus zu einer Versammlung der katholischen Erwachsenenbildung unseres Dekanats geschickt worden. Ich kam etwas zu spät und war beim ersten Anblick der Versammlung gleich etwas irritiert, die lieben Leute - so 40 an der Zahl - in Grüppchen sitzend zu sehen, in der Mitte des Raumes eine Kordel in Kreisform ausgelegt, die wohl für ein Begrüßungsspiel verwendet worden war. Gut, ich gesellte mich also dazu. Ideen für etwaige Projekte wurden gesammelt. Wir setzten uns wieder in einen Kreis.

Der Leiter der Erwachsenenbildung sprach die prima Zusammenarbeit mit Referenten verschiedenster Couleur an. Leider, so bemängelte er, dürfe man nicht mehr mit
Donum Vitæ und Pro Familia zusammenarbeiten, das habe das Bistum verboten. Keiner der Anwesenden schien sich an dieser Aussage zu stören. So blieb es an mir, den Einwand vorzubringen, dass man das „leider“ des Herrn Leiters so nicht im Raum stehen lassen könne, es gehe hier immerhin um Institutionen, die Abtreibungen befürworten und deren Sexualerziehung so gar nicht im Sinne der Kirche ist. Er habe das bedauert, so seine Antwort, weil diese Leute doch wirklich tolle Dinge zur Sexualität zu sagen haben, aber man dürfe nicht sehen, welche Möglichkeiten man nicht habe aufgrund des Verbots von Trier, sondern was einem noch alles offen stehe. Glückliches Grinsen des Leiters und zustimmendes Nicken in der Runde.

Einen Vorbehalt hatte ich gegen Ende der Versammlung noch anzubringen: wieso fürchte man sich vor einem katholischen Profil, wo sei in unserem Bistum denn der Raum, seinen Glauben zu vertiefen und in den Glaubenswahrheiten der Kirche unterrichtet zu werden, wenn nicht in der so genannten „katholischen“ Erwachsenenbildung? Da seien die Kollegen in Luxemburg konsequenter, dort nenne man sich seit einiger Zeit nur noch „
Erwuessebildung“ und habe das „katholisch“ gleich weggelassen. Wahrscheinlich um nicht anzuecken. Man wird zwar finanziell von der Kirche getragen, obwohl man gegen Papst und allzu Katholisches ist, aber gut, sei’s drum. Könne man nicht anstatt dieses „Kuschelkatholizismus“ doch katholischere und tiefer gehende Angebote ins Programm aufnehmen?

Man dankte mir für den interessanten Hinweis. Dann meldete sich der Herr, der anschließend die Kordel zusammenrollte, noch zu Wort: „Ich bin gerne Katholik. Aber ich bin nicht besser als ein Protestant oder ein Moslem. Wir müssen uns davor hüten, uns als etwas Besseres zu fühlen.“ Er warnte auch vor radikalen Gruppierungen wie Orthodoxen und Syriern (Hä? Was er damit wohl meint?). Ich weiß nicht, wieso meine Kritik am fehlenden katholischen Profil ihn auf solche Gedanken gebracht hat. Er bevorzugt im Themenangebot der katholischen Erwachsenenbildung auf jeden Fall scheinbar Veranstaltungen wie „Trommeln im Kreuzgang“ oder „Kochkurs für Männer“. Das sei ihm gelassen. Ich hielt auch brav meinen Mund. Aber ich dachte an die Aussage Robert Spaemanns, die ich anfangs zitiert habe: „Toleranz heißt Ablehnung jeder Überzeugung“, und ich füge hinzu: „auch der eigenen.“ Das habe ich bei dieser ernüchternden Versammlung gelernt.


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