Esoterik und katholischer Glaube

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Dies ist ein Gastbeitrag von Christian, einem Leser meines Blogs, und entstand aus einem interessanten Email-Wechsel über katholischen Glauben und Esoterik heraus. Da ich über mehrere Jahre selbst in die Welt der Esoterik verstrickt war (s. hier und hier), ist mir das Thema ein besonders wichtiges Anliegen. Ich danke Christian für seinen Text und hoffe, dass er dazu beiträgt, ein tieferes Verständnis dieser Problematik zu vermitteln.

Ist Esoterik mit dem katholischen Glauben vereinbar? In einer e-mail hat mir David darauf geantwortet: nicht die kleinste Kleinigkeit.

Diese Frage ist höchst aktuell. Wer sich heute auf „Sinnsuche“ begibt, wird fast zwangsläufig mit esoterischen Angeboten konfrontiert. Dabei darf schon gefragt werden, ob mit dem Begriff „Esoterik“ nicht Etikettenschwindel betrieben wird. Denn: Was soll an Lehren, die in hoher Auflage auf den Markt geworfen werden, noch
esoterisch, also allein den Eingeweihten zugänglich, sein? Im Grunde dürfte ich als Uneingeweihter gar nichts davon wissen. Recht besehen hat jede Religion neben einer exoterischen auch eine esoterische Seite, auch die christliche. Früher zumindest waren die Katechumenen bei der eigentlichen Mysterienfeier unerwünscht, denn sie mussten eben erst eingeweiht werden (durch das Sakrament der Taufe). Und Dionysius Areopagita warnt in seiner mystischen Theologie: „Gib aber acht, dass niemand der Nicht-Eingeweihten etwas von diesen Dingen zufällig hört.“

Gemeint ist mit Esoterik daher eher eine subjektiv-synkretistische Religiosität oder eine
New-Age-Spiritualität; alles Mögliche fällt darunter, seien es alternative Heilmethoden, Spiritismus, Schamanentum oder Anthroposphie, so dass dem Begriff eigentlich jede Trennschärfe mangelt. Ich bin damit vielfältig in Berührung gekommen, und zwar ohne großartig danach gesucht zu haben. Ich bin kein Aussteiger, denn dazu war ich zu wenig eingestiegen. Einem katholischen Esoteriker wie Valentin Tomberg verdanke ich jedoch wertvolle Einsichten, auch was den katholischen Glauben betrifft. Tomberg – dessen Schriften immerhin von Robert Spaemann herausgegeben werden – kann als Beispiel dafür dienen, dass sich esoterische Weisheit und katholischer Glaube durchaus etwas zu sagen haben, natürlich unter Vorrang des päpstlichen Lehramts. Das einzige heterodoxe Element, das ich bei Tomberg habe finden können, ist die Reinkarnationslehre; diese soll aber keineswegs die Auferstehung der Toten „ersetzen“, sondern kann als Erfahrungstatsache daneben bestehen – wie in der Orthodoxie die Unzerstörbarkeit der Seele. Ein aufschlussreiches Statement dazu gibt es von Papst Johannes Paul II.

Beginnen möchte ich mit den unterschiedlichen esoterischen Praktiken; denn auf Praxis und Erfahrung wird in der „Szene“ sehr viel Wert gelegt, noch ehe es um theoretische Grundlagen geht. Ein weites Feld, das von nicht wenigen Scharlatanen und Hochstaplern bevölkert wird. Offen gestanden, habe ich mich nie sonderlich dafür interessiert. Es wäre daher unfair, alle diese Praktiken in Bausch und Bogen zu verdammen. Aber sind diese Praktiken nicht gefährlich? Nicht gefährlicher als das Leben an sich, scheint mir. Dämonen sind überall unterwegs, und wer fest im Glauben steht, muss nichts fürchten – außer den Herrn. Das heißt nicht, dass ich ein wildes Herumexperimentieren mit diesen Praktiken befürworten würde; spiritistische Sitzungen oder satanische Rituale sind natürlich indiskutabel. Statt Furcht erscheint mir die Tugend der Klugheit jedoch angemessener. Ich kann z. B. nicht ausschließen, dass an Astrologie etwas „dran“ ist. Aber wenn ich angesichts des Kreuzes bete, kann ich mich nicht anders als frei und verantwortlich fühlen vor Gott – determiniert weder durch Sterne noch durch Gene; und angesichts des Kreuzes kann ich auch nicht anders empfinden, als dass mein persönliches Schicksal in der Hand Gottes liegt – weder in Sternen noch in Genen.

Daneben haben sich viele esoterische Praktiken im Gesundheitsbereich ausgebreitet, offenbar mit mehr oder weniger Erfolg. Dabei kann einen nüchterner Pragmatismus schützen: Was hilft, hilft. Der Körper ist ein unbestechlicher Richter, und sein Urteil erkennt man daran, ob das Symptom verschwindet oder eben nicht. Problematisch wird das erst, wenn zwecks Heilung bestimmte esoterische Glaubenssätze angenommen werden sollen. Ja, es gibt zwar keinen esoterischen „Katechismus“, aber wiederkehrende Sätze, die man – gelegen oder ungelegen – zu hören kriegt, auch wenn die „Szene“ sich antidogmatisch (und antiinstitutionell) geriert.

Denn jeder spirituelle Fortschritt kann nur auf eigener Erfahrung beruhen.
Erfahrung gehört gewissermaßen zu den Zauberwörtern, mit denen man auf esoterischen Kongressen punkten kann. Nur Dummköpfe, schreibt Gomez-Davila, müssen alle Erfahrungen selber machen. Und nur Dummköpfe, so könnte man Davila paraphrasieren, denken, Dogmen seien lebendiger Erfahrung entgegengesetzt. In Wirklichkeit aber sind die geoffenbarten Dogmen Beschreibungen einer objektiven-geistigen Realität, in die ich nicht unmittelbar Einsicht habe; erst dadurch, dass ich sie annehme, öffnen sich mir – analog zu Ikonen – Fenster zu dieser Realität, und ich kann Erfahrungen in und mit dieser Realität machen. Dabei kommt das Erfahrungsmoment im christlichen Glauben nicht zu kurz: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, das Wort des Lebens – das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist.“ (1 Joh 1, 1-3) Ist diese Erfahrung – das sinnliche Wahrnehmen des fleischgewordenen Logos – nicht im Glauben selbst enthalten, und zwar so, dass derjenige, der sich zu Christus bekehrt hat, über diese Erfahrung ganz selbstverständlich verfügt, ob nun bewusst oder unbewusst? Besondere mystische Erfahrungen sollten deshalb nicht überbewertet werden. „Alle Sakramente sind größer als jedwede Vision“, schreibt der Zisterzienser Thomas Keating und führt aus, dass die meisten mystischen Erfahrungen nicht in kontemplativen Orden, sondern außerhalb – zumeist von Laien – gemacht werden; durchaus denkbar ist, dass Gott mit diesen mystischen Gnadengaben gerade einem Mangel an Glauben aufhelfen will.

In der Regel werden aber nicht nur Dogmen an sich für obsolet erklärt, sondern Gott gleich mit – zumindest der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, erst recht der dreifaltige Gott, den zu denken Esoterikern offenbar zu kompliziert ist. Wenn Esoteriker von Gott sprechen, dann ist alles Mögliche damit gemeint – das Leben, der Kosmos, das Universum, eine Wunscherfüllungsmaschine, das höhere Selbst, aber eben nicht der christliche. Die Personalität Gottes wird sodann – so zum Beispiel in der durchaus ernst zu nehmenden transpersonalen Psychologie – abgelehnt oder zumindest als veraltet angesehen (das personale Gottesbild entspreche der rationalen Stufe, die nun aber durch die transrationale Bewusstseinsstufe abgelöst werde, wo – grob gesagt – jede Dualität aufgehoben ist). Für mich hat das „personale Gottesbild“ allerdings Vorzüge, die ich nicht missen möchte. Denn nur so weiß ich, dass meine Bitt- und Dankgebete einen Adressaten haben; der/das neoplatonische Eine, aus dem die Welt emaniert ist, kommt dafür nicht in Frage (konsequenterweise lehnte es der exklaustrierte Benediktinerpater Willigis Jäger ab, einen Brief an „Gott“ zu schreiben). Der/das Eine hat es auch nicht nötig, sich am Sinai oder durch Jesus Christus zu offenbaren, denn es offenbart sich ja am vollkommensten durch das, was geschieht. Die Liste ließe sich beliebig erweitern, mit dem Ergebnis, dass am Ende der ganze christliche Glaube, die Auferstehung der Toten inklusive, beseitigt wäre. Auf dieser Ebene – der metaphyischen – muss ich David unumwunden recht geben: das hat mit dem katholischen Glauben nicht die kleinste Kleinigkeit zu tun. Dass Jesus Christus am Kreuz für unsere Sünden gestorben sein soll, ist in die esoterische Weltsicht schlechterdings nicht integrierbar. Wie sollte es auch, wenn es darum geht, eine bestimmte Bewusstseinsstufe zu realisieren? Deshalb wird Jesus Christus auch nicht als Gottessohn oder Gottmensch gesehen (oder nur in der Form, dass diese Gottmenschlichkeit ein allgemeines Wesensmerkmal des Menschen sei), sondern als „Weltenlehrer“ (was auch immer das heißen mag) oder als Mensch mit einer tiefen Gotteserfahrung (Willigis Jäger). Der Zen-Spruch –
Triffst du den Buddha, schlag ihn tot – ist auf Jesus eben nicht übertragbar, auch wenn Willigis Jäger, der offenbar vor keinem Irrtum haltmacht, das meint. Anders gesagt: Es wäre doch wohl verfehlt, die Nachfolge Christi als buddhistischen Übungsweg zu betrachten. Wer also Christus sucht, ist in der Esoterik schlecht aufgehoben.

Weitere Sätze sind: „
Alle Religionen führen zum selben Ziel“, - „Nichts ist Zufall, alles hat einen Sinn“, - „Alles, was dir widerfährt, ist von dir gewollt“ etc. Sätze also, wie es im Faust heißt, mit viel Irrtum und einem Fünkchen Wahrheit – die weniger nerven würden, wenn sie nicht immer wie der Weisheit letzter Schluss vorgetragen würden. Nervend ist weiterhin – da alles bewusstseinsabhängig ist – das unselige Herumpsychologisieren, das einem Tanz um's golden Kalb gleicht.

Was hat das jetzt aber mit Religion zu tun? Meines Erachtens so viel wie ein Bordellbesuch mit einer Hochzeitsnacht. Oder weniger krass: so viel wie Esperanto mit einer gewachsenen Sprache. Nebenbei: Richtig klar geworden ist mir das, zugegeben, erst, nachdem ich ein paar Mal an der Hl. Messe im außerordentlichen Ritus teilgenommen hatte, in dem – so scheint mir, ohne Beweise dafür zu haben – die Religion an sich aufgehoben ist. Der Vergleich mit Esperanto trifft es ganz gut; die moderne Esoterik ist hochgradig künstlich, zusammengemixt aus allen möglichen Religionen, von denen sich keine darin wiedererkennen mag. Höchst unauthentisch dafür, dass auch „Authentizität“ zu den oben erwähnten Zauberwörtern gehört.

Dennoch plädiere ich für mehr „Esoterik“ innerhalb der Kirche. Der esoterische Spiritualismus scheint mir letztlich eine Reaktion einerseits auf den Materialismus zu sein, andererseits auf eine rationalistische Theologie, die das Jenseits „entvölkert“ hat – ja, wo sind nur die Engel hin, wo sind sie geblieben? Auf esoterischen Engelkongressen? Der katholische Glaube ist nämlich konkrete Metaphysik, nicht zufrieden mit blassen Abstraktionen. Mit Esoterik meine ich daher auch nicht eine aufgeblähte Innerlichkeit, sondern vielmehr eine Vertiefung des christlichen Glaubens; dieser ist zwar Geschenk Gottes und daher unverfügbar, aber es kann dafür gesorgt werden, dass er – wie der Herr im Gleichnis vom
Sämann ausführt – auf fruchtbaren Boden fällt und wachsen und Frucht bringen kann – mittels mystagogischer Katechese, kontemplativen Gebets, des Herzens- oder Rosenkranzgebets, der Entwicklung der „geistlichen Sinne“ (R. Guardini) oder der Feier der Hl. Messe im außerordentlichen Ritus etc., also allem, was die reiche katholische Tradition hergibt. Dazu bedarf es nicht zuletzt „väterlicher“ Seelsorger, die aus einer echten christlichen Spiritualität leben, Menschenfischer eben, die einen geistig-seelisch zu Christus führen – man denke nur an die Starzen im orthodoxen Russland, die selbst einem Tolstoj imponiert haben. Mit Kritik kann an dieser Stelle nicht gespart werden, denn weite Teile des gegenwärtigen Klerus’ scheinen diesbezüglich selbst Nachholbedarf zu haben – vielleicht nicht zuletzt deswegen hat der Hl. Vater ein Priesterjahr ausgerufen.


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