Choral und Klavier

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Persönlicher Hintergrund

Vor einem Monat wurde das Album „Chant - Amor et Passio“ der Zisterziensermönche des Stiftes Heiligenkreuz veröffentlicht. Es ist der lang erwartete Nachfolger von „Chant - Music for Paradise“, das seit Veröffentlichung im Jahr 2008 über 1,1 Millionen Mal weltweit verkauft wurde.

Ich kenne die Mönche seit 2005 und habe das große Glück, im wunderschönen Kloster im Wienerwald bleibende Freundschaften geschlossen zu haben. Dank ihrer Liturgie sowie ihres gesungenen Chorals fühle ich mich dort zuhause.

2006 spielte ich mein erstes Klavier-Rezital im Stift. Pater Simeon Wester, der Stiftskantor und jetzige Prior der Abtei, fragte mich damals, ob ich mir vorstellen könnte, ein Stück zusammen mit der Schola zu spielen. Die Idee, die Lauretanische Litanei am Flügel zu begleiten, war äußerst reizvoll. Ich hatte noch nie von dieser ungewöhnlichen Zusammenstellung gehört, doch ich wollte es versuchen. Wir hatten eine gemeinsame Probe. Das Konzert lief blendend, und das Publikum war sehr berührt von unserem musikalischen Experiment. Die Idee von Choral und Klavier war geboren (ihr könnt euch die improvisierte Darbietung von damals hier anhören).

Ein paar Jahre später wurden die Mönche und ihr berückender Gesang von Universal Music entdeckt. Ihr Album „Chant - Music for Paradise“ wurde ein riesiger, unerwarteter Erfolg. Dies war eine großartige Möglichkeit, das Evangelium und den Schatz des Gregorianischen Chorals mit Tausenden, ja Millionen von Menschen zu teilen. Andererseits bedeutete ein solcher Erfolg auch Invasionen von Journalisten und Besuchern, was für das Kloster nicht immer leicht zu handhaben war.

So warteten die Mönche über 3 Jahre, bis sie wieder zurück ins Studio gingen (oder vielmehr das Studio zurück in ihre Kirche holten), und zwar diesmal um Aufnahmen für ihr eigenes Label Obsculta Music zu machen. Ihr könnt euch denken, wie dankbar und geehrt ich mich fühlte, als Pater Karl Wallner mich im September fragte, ob ich einige „Bonus-Tracks“ mit den Mönchen aufnehmen mochte. Pater Simeon gab mir vier Choral-Stücke mit, für die ich eine Klavierbegleitung komponieren sollte.

Musikalische Herausforderungen

Doch wie geht man vor, wenn man einen Klavierpart für eine Musik schreiben soll, die ursprünglich dazu gedacht ist, a cappella gesungen zu werden, und die per Definition keiner Begleitung bedarf? Es gab mehrere Kriterien, die ich berücksichtigen musste:

  1. Das Original muss unberührt bleiben. Die Choral-Melodien sind viele Jahrhunderte alt und haben den Test der Zeit bestanden. Sie sind perfekt, so wie sie sind. Es gibt nichts, das verändert werden muss. Darüber hinaus interpretieren die singenden Mönche den Gregorianischen Choral nicht, sie beten ihn. Diese Würde musste erhalten bleiben. Ich fühlte, dass es nur eine richtige Herangehensweise für den Kompositionsprozess gab: beten und lauschen, um nach dem Schlüssel zu suchen, der die verborgenen Harmonien hinter dem einstimmigen Choral enthüllen würde. Womit wir zur zweiten Überlegung kommen:
  2. Die Begleitung muss das Original bereichern. Obwohl der Choral zwar keine Begleitung benötigt, so schließt er sie auch nicht aus. Als ich über die Gesänge und deren Texte nachsann, wurde mir klar, dass eine Aufgabe der Begleitung sein würde, die den Gebeten zugrunde liegende Struktur zu verdeutlichen. Dies habe ich durch die Verwendung der Harmonien versucht zu erreichen. Manchmal ist es offensichtlich, wie eine harmonische Fortschreitung die Struktur des Gebets beleuchtet (z.B. sind die Versikel im Stück Ubi Caritas je nach Aussage etwas anders harmonisiert, führen aber zu Beginn der Antiphon immer zu einem reinen G-Dur-Akkord). In den Litaneien verwende ich komplexere Harmonien, die die Stücke in größere Abschnitte unterteilen. Die Anrufungen gliedern die Gebete in verschiedene Segmente, was nicht ersichtlich ist, wenn man nur die Melodie hört. Ich wollte nicht einfach die gleiche Begleitung für jede Anrufung wiederholen. Im Gegenteil, die innere Entwicklung, die beim Beten einer Litanei passiert, wollte ich durch eine beständig fließende, harmonisch sich wandelnde Entwicklung in der Klavierstimme darstellen. Pater Simeon hatte die ungewöhnliche Idee, an gewissen einschneidenden Stellen in der Lauretanischen Litanei einen Halbton zu steigen (welches im übrigen die einzige Anweisung war, die ich bekam; ansonsten hatte ich freie Hand, das zu komponieren, was mir richtig erschien).
  3. Die Begleitung muss unaufdringlich und zurückhaltend sein. Da die Originalgesänge nicht nach einer Begleitung verlangen, muss der Komponist der Versuchung widerstehen, zu viele Noten zu schreiben. In meinen Kompositionen habe ich versucht, das Klavier im Hintergrund zu halten, um dem Gesang und den singenden Mönchen zu dienen. Sie sollten die Gesänge in der für sie gewohnten Weise singen können, aber zugleich wollte ich, dass ihr Gesang getragen und unterstützt wird durch meinen Klavierpart. Um dies zu erreichen, musste ich eine harmonische und pianistische Sprache finden, die so natürlich mit den original Choralmelodien verschmilzt, dass die Mönche fast nicht bemerken würden, dass ich sie begleite.

Ausklang

Ich habe mein Bestmögliches getan, um dem Geist des Gregorianischen Chorals treu zu bleiben, auch wenn dies eine fast unmögliche Aufgabe darstellte. Ich kann aufrichtig sagen, dass diese Kompositionen zu den persönlichsten gehören, die ich je geschrieben habe, und ich fühle mich durch die damit verbundenen Erfahrungen in vielfacher Hinsicht gesegnet. Nicht nur, dass es eine große Ehre war, an diesem Abenteuer teilzunehmen: die Stunden, die ich musizierend und betend mit den Mönchen von Heiligenkreuz verbracht habe, sind ein musikalischer und spiritueller Höhepunkt meiner Karriere. Möge die zeitlose Schönheit von „Chant - Amor et Passio“ die Herzen vieler Zuhörer erreichen.